Modtissimo KT 41/42 2010

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Deutschlands comeback. Zukunft der Bekleidungsindustrie in Portugal

(er) Die Bundesrepublik Deutschland als stärksten Handelspartner wie in früheren, besseren Zeiten zurückzuerobern, ist das erklärte Ziel der starken und leistungsfähigen Textil- und Bekleidungsnation Portugal. Dazu hat ein Workshop im Rahmen der Modtissimo, der zweimal jährlich stattfindenden Messe im historischen, restaurierten Zollhausgelände von Oporto stattgefunden. War vor zehn Jahren Deutschland noch an erster Stelle als Auftraggeber für diese Industrie Portugals, so ist man mittlerweile auf Platz drei abgerutscht, rangiert jetzt hinter Spanien und Frankreich. Der Trend deutscher Konfektionäre in Billig- und Billigstlohnländer abzuwandern, hat die Auftragslage für die Portugiesen von deutscher Seite negativ beeinflusst. Doch es gibt auch Beispiele von erfolgreichen deutschen Unternehmen die diesen Sirenenklängen nicht gefolgt sind und es gibt vor allen Dingen in jüngster Zeit auch wieder Beispiele von deutschen Unternehmen, die in Nordafrika und Asien schlechte Erfahrungen gesammelt haben und jetzt nach Abwägung aller Vor- und Nachteile wieder nach Portugal zurückkehren. Unter denjenigen die niemals am Standort zweifelten hat der KLAR-TEXT eine traditionsreiche Marke vor der Haustüre in Brannenburg am Inn. Dadurch sind wir in der Lage diesen Bericht mit authentischen Zahlen und Fakten zu belegen. Vor ca. siebzehn Jahren hat sich der Inhaber und Geschäftsführer Georg Weber dazu entschlossen in Portugal eine eigene Produktionskapazität auf- und auszubauen, die deutsche Aussenhandelskammer hat dabei entscheidend mitgewirkt, dass dieses Projekt zustande kam. Wir sprechen hier von der Marke Anita, die hochgradige Spezialistin für Mieder, Dessous und Bademoden, die mit ihren Kollektionen für werdende Mütter bis hinein in den medizinischen Bereich geht. Mit über eintausend Beschäftigten wird ein Jahresumsatz von ca 80 Mio Euro erwirtschaftet, bei einem Exportanteil von 50 Prozent. Wie Georg Weber es darstellt ist die Gesamtproduktion eine Mischkalkulation des Global Players. Anitas Produktionsbetriebe verteilen sich auf Portugal, Österreich, Myanmar, Thailand und Tschechien, wobei Portugal mit ca 200 Beschäftigten, gemessen an den Stückzahlen und den Qualitäten die dort hergestellt werden, den ersten Platz einnimmt. Allein hier werden nach den Planzahlen für 2010 Kapazitäten für den hochwertigen Miederbereich von 13 794 480 Minuten gefahren, was 42.4% der gesamten Produktion entspricht.

Die Lohnfaktoren pro Minute weisen im Vergleich zu den oben bereits erwähnten, anderen Standorten mit 0.150 € nach wie vor einen optimalen Wert aus, da hier die höchsten Qualitäten konfektioniert werden. Österreich ist mit 0.680 € der teuerste Standort und kann nur durch eine Mischkalkulation bestehen, wobei Thailand und Tschechien mit Portugal bei 0.150 € gleichziehen und weit nach unten reichend Myanmar mit 0.060 € im Minuten Ranking die billigste, wie nicht anders zu erwarten, Produktionsstätte ist, die aber mit
11 008 536 Minuten, was 33.8 Prozent entspricht Platz zwei in der Menge einnimmt. In Tschechien sind es geradeeinmal 2 586 465 Minuten entsprechend 8.0 Prozent, in Thailand 2 028 600 Minuten soll heissen 6.2 Prozent und last but not least in Österreich 3 115 930 Minuten das sind 9.6 Prozent.

Der Mischfaktor aller Lohnminuten der diversen Standorte ergibt 0.148 €. So steht ergo Potugal gut da und weist als Produktionsstandort noch einen wesentlichen, entscheidenenden Erfolgsfaktor, wie Georg Weber besonders betont auf, das ist die Vorstufe, will sagen die hochqualifizierte Textilindustrie des Landes. Doch auch hier der gehobene Zeigefinger, der zur Achtsamkeit mahnt, dass dieser wichtige Industriezweig der Garne und Gewebe nicht peu á peu nach Asien abwanderd. Es war nicht immer so, dass man in Portugal die qualitativ anspruchsvollsten Kollektionen konfektionieren konnte, doch in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Disziplin der Mitarbeiter ständig in Richtung Perfektion bewegt, die Resource Mensch ist vorhanden und es gibt genug Fachpersonal in der Region. Alles Vorausetzungen für eine erfolgreiche Produktion. Im Rahmen dieses Workshops hielt ein absoluter Portugalexperte aus Deutschland ein Referat in portugiesischer Sprache. Es ist das kein geringerer als Peter F. Giernoth, langjähriger Hauptgeschäftsführer des Gesamtmaschenverbandes in Stuttgart und nach wie vor der itmm GmbH. Eine Kurzfassung geben wir an dieser Stelle
wieder:

WARUM UND WIE KANN PORTUGAL ERNEUT EIN TEXTILES PRODUKTIONSLAND FÜR DEN EXPORT WERDEN?
Asien und vor allem China waren aus Sicht der Textilproduzenten im letzten Jahrzehnt das Dorado mit unerschöpflichem Potential und niedrigsten Preisen, die die grossen Entfernungen zu den Märkten mehr als kompensierten. Dann im Jahr 2008/2009: Die Finanz-und Wirtschaftskrise mit stark zurückgehenden Aufträgen, die sehr stark China betrafen. Nach massiven Fabrikschliessungen sprang der Wirtschaftsmotor überraschend stark wieder an, was neue Probleme brachte: Verteuerung der Baumwolle (v. 50,- auf 88.-USD), verringerte Kapazitäten und Logistikprobleme in China wegen drastisch gestiegener Containerkosten. dazu höhere Energiekosten und die Neigung chin. Firmen stärker für den Inlandsmarkt als die anspruchsvollen Auslandsmärkte zu produzieren. Fazit: Man schätzt, dass die chinesischen Produktionskosten um ca. 30% gestiegen sind.
Diese Umstände erklären z.T., warum eine steigende Anzahl von Firmen wieder europäische Produktionsländer im Visier hat. Zu den obigen Problemen kommt hinzu, dass europäische Firmen, darunter auch einige deutsche, in China Qualitätsprobleme haben, insbesondere bei höher- oder hochwertigen Produkten. Zu beobachten ist daher eine gewisse „Rückwanderung“ nach Osteuropa, aber auch in die Türkei sowie Griechenland und Portugal! Neben deutschen Firmen, die Portugal nie verlassen haben, wie z.B. Falke, Mey,Naturana/ Irma la Douce, Steiff, gibt es auch deutsche Rückwanderer bzw. Firmen, die ihre Produktion in Portugal deutlich erhöht haben. Nahezu alle diese Firmen haben den Weg gewählt, mit portugiesischen Partnern zusammenzuarbeiten, wenn sie nicht über eigene Produktionsstätten in Portugal verfügen.

Die auf diese Weise erfolgte stärkere Auslastung portugiesischer Kapazitäten erklärt auch, warum Portugal schon im Krisenjahr 2009, anders als andere Lieferländer, seine Exporte, z.B. nach Deutschland, stabilisieren konnte.

Welches sind nun die Voraussetzungen für portugiesische Firmen, um im deutschen Markt bestehen zu können und diesen ggfs. (zurück) zu erobern?
1. In jedem Fall eine sehr gute Qualität zu produzieren oder mindestens die Qualität, die der Kunde erwartet.
2. Um jeden Preis die vereinbarten Liefertermine einhalten.
3. Dem Kunden regelmässig klare Informationen über den jeweiligen Status der Aufträge geben, vor allem, wenn diese sich aus irgendeinem Grunde verzögern sollten! Es gibt nichts schlimmeres für einen Kunden als ohne Informationen in der Luft zu hängen.
4. Flexibilität zeigen. Im Idealfall selbst geeignete Vorschläge machen, wie man auftretende Probleme lösen könnte!
5. Angemessene Preise bieten, die durch höhere Produktivität erreicht werden können-entweder mittels effizienterer Maschinenausstattung oder durch das Angebot z.B. von finanziellen Anreizen an die Belegschaft.

Bedauerlicherweise kann ich keine weiteren Geheimnisse verkünden, wie Sie den deutschen Markt mit Sicherheit erobern werden- ausser vielleicht dem, dass Sie die obigen Punkte 1-5 exakt beachten und rigoros durchführen!

Redaktion KLAR-TEXT, im Oktober 2010

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