Freshtex KT 11/12 2012

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Wer übernimmt die Verantwortung?

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen einem Mode-Label und einem Textil-Produzenten genau aus?
Was macht eine Kooperation erfolgreich? Wer ist der Innovationstreiber und was für beide die Motivation eine langfristige Partnerschaft aufzubauen? Und schließlich: Wie kann man die notwendige Sicherheit in Bezug
auf die Produktionsbedingungen, die ein ecofaires Denim Label im Premium Segment erwartet, garantieren?

Daniela di Donato-Haupt, Gründerin des Münchner Labels Pearls of Laja, und Franz L. Alt, Inhaber des weltweit aufgestellten Textildienstleisters Freshtex – grüner Pionier der textilen Vorstufe –, haben sich zusammengesetzt, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Das Interview führte die CSR-Expertin Jana Kern.

Jana Kern: Gründerin, Designerin und kreativer Kopf, hier und Hersteller, Dienstleister und Full-Service-Anbieter auf der anderen Seite des Tischs. Frau di Donato-Haupt, beim Thema Wäscherei sprechen Sie aus Erfahrung. Woher kam Ihre Motivation, ein grünes Denim-Label zu gründen?

Daniela Di Donato-Haupt: Ich bin seit 14 Jahren als Mode-Designerin in der textilen Vorstufe tätig. Als ich dann
vor drei Jahren Mutter geworden bin, war das der letzte Auslöser, um zu sagen: Packen wir’s an. Ich habe davor schon einen sehr bewussten Lebensstil gelebt und für mich größtenteils auf Bio-Food und Natur-Kosmetik geachtet. Ein Kind zu haben, hat mich dann letztendlich so stark für das Problem der in Textilien enthaltenen Chemikalien und der oftmals sozialunverträglichen Produktionsbedingungen sensibilisiert, dass ich etwas ändern wollte.

Wo lagen dabei die größten Herausforderungen für Sie?

Di Donato-Haupt: Als wir Pearls of Laja gegründet haben, waren wir überrascht, wie schnell wir auf Grenzen gestoßen sind. Pearls of Laja sollte hochwertige und nachhaltig produzierte Denims für Frauen mit Figur anbieten. Wir haben lange gesucht, aber es war zum Verzweifeln.

Warum? Worin lagen die Schwierigkeiten?

Di Donato-Haupt: Für unsere Ansprüche adäquate Eco-Finishes zu finden, gestaltete sich als extrem problematisch. Und die sind ja eigentlich das Wichtigste. Was nutzen uns die schönsten Bio- oder Organic-Stoffe, wenn wir anschließend keine umweltund sozialverträgliche Verarbeitung, Ausrüstung und – beim Thema Denim – auch Waschung garantieren können. Deswegen wollten wir unbedingt ein nach dem Global Organic Textile Standard (GOTS) zertifiziertes Finishing für unsere Denims realisieren. Zum Glück sind wir dann über die grüne Plattform der Munich Fabric Start, die Organic Selection, auf Freshtex gestoßen, wo man uns sofort verstanden hat.

Franz L. Alt: Na, zum Glück. Immerhin befassen wir uns bei Freshtex seit 1985 mit dem Thema. Wie reduziert
man Chemikalien? Wie reduziert man seinen Wasserverbrauch und spart dadurch Energie, Farbstoffe und Ressourcen? Diese Fragen haben wir in den letzten 27 Jahren weiterentwickelt. Außerdem haben wir uns auch viel auf anderen Feldern engagiert, zum Beispiel dem Maschinenbau und der Anlagenkonfiguration, um effizienter produzieren zu können.

Wie würden Sie nach 27 Jahren grüner Praxiserfahrung das Wort Nachhaltigkeit für sich definieren?

„Wir befassen uns bei Freshtex seit 1985 mit dem Thema Nachhaltigkeit.“ Franz L. Alt

Alt: Für uns ist bei dem Thema ein Aspekt ausschlaggebend: Nachhaltigkeit muss im ganzheitlichen Prozess geschaffen werden. Nachhaltigkeit darf nicht nur das Fabric oder das Waschen sein, sondern muss auch berücksichtigen, wie zum Beispiel Dampf erzeugt und Abwasser behandelt wird.

Das gilt für Freshtex als Firma. Geben Sie uns ein Beispiel was Nachhaltigkeit für Sie persönlich
greifbar bedeutet.
Alt: Für mich wurde über die Jahre ein Punkt besonders wichtig: das Thema Big-Oil. Ständig liegt irgendwo ein Tanker auf Grund oder es explodiert eine Bohrinsel. Mit dieser Umweltvernichtung wollte ich nichts mehr zu tun haben. Daher kommt die Idee, unsere Dampferzeugung auf lokal verfügbare Brennstoffe umzustellen. Auf den Philippinen verbrennen wir inzwischen ausschließlich Müll und Kokosnussschalen. Und wenn dort ein Tanker untergehen würde, könnte ich als Industrieller sagen: Da war kein Tropfen Öl von mir drin.

Was heißt Nachhaltigkeit im ganzheitlichen Prozess für Freshtex genau?

Alt: Wir bauen jetzt Step für Step alle Brennkessel um, so dass wir konzernweit ausschließlich lokale Brennstoffe nutzen können. Genauso gehört für mich die Abwasserproblematik zu dem Thema. Wir haben 1995 in Indonesien die erste Anlage gebaut, die unser Abwasser biologisch und auf Bakterienbasis klärt. Und diesen ganzen Kreislauf, verbunden mit der GOTS-Zertifizierung, haben wir dann in unserer Nachhaltigkeits-Guideline „Freshtex Sustainability Guaranteed“ dokumentiert, nicht zuletzt um Transparenz zu schaffen.

Was bedeutet so ein Engagement für Sie als Marke?

Di Donato-Haupt: Extreme Erleichterung. Wir können unseren Händlern und Kunden einfach erklären, wer hinter dem Produkt als Produzent steht und schaffen somit Vertrauen in unsere Marke. Das Thema Transparenz ist überhaupt besonders wichtig. Ein gutes Geschäftsverhältnis macht aus, dass beide Seiten offen und ehrlich miteinander sind. Im Endeffekt stehen wir persönlich mit unseren Namen für unser Produkt und die Philosophie unseres Labels. Da ist es unabdingbar, sich gegenseitig vertrauen zu können. Insbesondere, wenn Nachhaltigkeit der Markenkern ist.

Alt: Unbedingt. Transparenz in beide Richtungen. Dazu zählt für mich auch der Austausch von Informationen. Wenn man das Wissen, das da ist, nicht nutzt, vergibt man wahnsinnige Synergieeffekte. Und damit Innovationsmöglichkeiten und Chancen die Umwelt zu schonen und natürlich auch bares Geld. Was im Unternehmen gilt, gilt genauso auch zwischen Geschäftspartnern.

Interessiert es die Kunden denn, wie die Produktion im Hintergrund einer Marke aussieht?

Di Donato-Haupt: Ja, das interessiert absolut. Aber wir betreiben auch viel Aufklärungsarbeit und versuchen so, ein Bewusstsein für die Wertschöpfungskette von Mode zu schaffen. Das kommt bei unseren Kunden super an. Konsumenten unterscheiden sehr wohl, ob ein Produkt nur grün gelabelt und ein bisschen öko ist, oder ob sich jemand von A bis Z Gedanken macht, wo man etwas verbessern kann.

Man hört ja zunehmend, dass sich Endverbraucher leichter durch soziale Aspekte als durch das Thema Ökologie angesprochen fühlen. Können Sie das aus Ihren Erfahrungen bestätigen?

Di Donato-Haupt: Ich denke, dass der Mix wichtig ist. Social würde nicht ohne eco funktionieren. Und umgekehrt wird es auch nicht mehr ziehen, denn das Wissen über die Produktionsbedingungen in der Modeindustrie wird beim Kunden immer größer. Wir merken das mit Pearls of Laja vielleicht sogar noch früher als andere, weil wir ein Premium-Produkt anbieten und unsere Kunden gerne 200,-€ für eine „saubere“ Jeans zahlen. Aber ich kann versichern, dass unsere Kunden unsere Bemühungen würdigen. Das können ruhig auch alle konventionellen Labels wissen.

Sie sind von den Usern der Online Plattform bioheld.de zum Lieblings-Bio-Label 2011 gewählt worden. Sie haben dadurch sicherlich viel Feedback bekommen. Was interessiert die Kunden an Ihrem Label? Und wonach fragen Ihre Kunden gezielt?

Di Donato-Haupt: Wir sehen zum Beispiel, dass gerade jüngere Kunden extrem viel zur Produktion
„Konsumenten unterscheiden sehr wohl, ob ein Produkt nur grün gelabelt ist, oder ob sich jemand von A – Z Gedanken macht, wo man etwas verbessern kann.“ Daniela di Donato-Haupt und Herkunft wissen wollen. Da spielt sicherlich die Erziehung eine ganz große Rolle. Aber das Produktbewusstsein wird mit der nächsten Generation auf jeden Fall noch steigen.

Wie schwer ist es denn für ein Unternehmen, das Dienstleister, Full-Service-Anbieter und Produzent in einem ist, sich zertifizieren zu lassen? Oder sich selbst Standards zu setzen und dann von einem kritischen Markt daran gemessen zu werden?

„Wenn man ganzheitliche Nachhaltigkeit ernst meint, ist es für ein Unternehmen kein größeres Problem, sich zertifizieren zu lassen. Es müssen eben alle an einem Strang ziehen.“ Franz L. Alt
Alt: Wenn man es ernst meint, ist es kein größeres Problem. Es müssen eben alle an einem Strang ziehen, es muss intern kommuniziert werden und man muss vor allem bereit sein, die nötigen Investitionen zu tätigen. Die Umstellung auf nachhaltige Produktionsgrundsätze hat für uns auf jeden Fall ihren Preis gehabt – das möchte ich nicht verschweigen. Aber wenn man die Überzeugungen von der Geschäftsleitung her vorlebt, auch persönlich bewusst mit Ressourcen umgeht, und diese Philosophie Level für Level herunter gibt, dann ist es kein Problem, ein bewusst handelndes Unternehmen zu werden.

Di Donato-Haupt: Das Besondere an Freshtex ist, dass Nachhaltigkeit dort als eine Selbstverständlichkeit angesehen wird. Die verantwortlichen Leute stehen seit Jahren hinter dem Thema und das spüren wir als Label und das spiegeln dann im Endeffekt unsere Produkte wider.
Alt: Andersrum ist es für uns klar, dass je mehr wir mit so anspruchsvollen Kunden arbeiten, wir auch wieder mehr lernen. Neue Ideen kommen...

Di Donato-Haupt: ...oder neue Anforderungen...

Alt: Die wir dann selbstverständlich gerne erfüllen. Und es macht uns natürlich auch Freude. Auf der einen Seite weil wir als innovationstreibendes und kreatives Unternehmen immer auf der Suche nach neuem Input sind und auf der anderen Seite, weil unsere Anstrengungen so durch einen Kunden honoriert und geschätzt werden. Im Endeffekt ist das wie im Restaurant: Für den Koch sollte es das Schönste sein, wenn dem Gast das Essen schmeckt.

Um im Bild zu bleiben: Was gibt es Neues auf der Speisekarte? Was finden Sie als Label besonders spannend, wenn Sie über die Messe laufen? Wo sehen Sie neue Trends, Farben, Materialien?

Di Donato-Haupt: Unser Kerngeschäft ist Denim für die kurvige Frau. Deshalb ist für uns Innovation und Qualität wichtig. Der Griff und neue Optiken sind für uns genauso interessant. Oft kommen wir mit konventionellen Fabrics und fragen dann: Geht das genauso in eco und sozial? Ist das möglich? Unsere Kunden, und damit auch wir als Marke, suchen wertige Oberflächen und modische, fancy Looks. Aber in öko und fair zertifiziert. Angefangen haben wir mit ganz cleanen GOTS-Waschungen. Inzwischen sind wir bei richtig coolen, ausgewaschenen und ganz hellen Styles und Destroyed-Effekten angekommen. Für den Kunden ist es wichtig, dass er nicht ein Produkt bekommt, bei dem öko oben drüber steht und dann die Innovation kommt, sondern dass Design und Nachhaltigkeit gleichgestellt werden.

Und an was arbeiten Sie, Herr Alt? Was können wir Neues von Ihnen erwarten?
Alt: Wir stellen hier auf der bluezone im Rahmen von Tomorrow comes Today unsere Zero Chemicals Washes vor. Die sind grüninnovativ und sehen definitiv nicht aus wie Zero Chemicals.

Di Donato-Haupt: Das kann ich bestätigen. Kein bisschen wie Müsli.

Alt: Um Gottes Willen – bloß das nicht. Nein, das ist ein richtig cooler Vintage Look.

Was heißt denn dann Zero Chemicals? Da muss doch irgendwas drin sein?

Alt: Die Denims sind tatsächlich zu 100% chemiefrei. Wir arbeiten mit neuen Methoden und Techniken, viel Mechanik und Handarbeit. Zum Beispiel Tea Stains, also mit Teebeuteln Used-Looks kreieren. Und Ozon ist natürlich ein Muss, um diese eine Optik und dieses Handfeel hinzubekommen. Und außerdem? Der neue Sommer-Style geht stark in Richtung gewaschen, Light-Indigo und Light-Denims. Was machen Sie, um dem Trend gerecht zu werden und gleichzeitig nachhaltig zu sein?

Alt: Ohne zu viel zu verraten – man muss nicht unbedingt einen blauen Denim runterbleichen, um den Style zu bekommen. Wir sind in unserer Eco-Highlight-Kollektion „Planet Future“ einfach mal anders herum herangegangen. Wir haben auf einen weißen Denim nur soviel Farbe raufgebracht, wie es hinterher aussehen soll. Dass heißt, wir waschen nicht 80% runter, sondern geben nur 20% drauf und waschen dann nur ein bisschen, damit das Denim den Look bekommt. Damit sparen wir nicht nur Farbe, sondern auch Wasser und Chemikalien.

Im vergangenen Sommer haben Sie die 3-Liter-Hose vorgestellt. Ist die Less-Water-Thematik weiterhin wichtig?

Di Donato-Haupt: Das ist für uns als Marke ein Granaten-Thema. Ich hoffe schon, dass das immer weiter geht...

Alt: Wir sind auf dem Weg zur 2 Liter Hose. Ich denke, dass ist technisch noch drin, aber dann ist auch Ende. Wenn ich Sachen höre wie Null-Wasser – das ist unmöglich. Also schlichtweg eine Lüge. Deswegen möchten wir uns auch nicht auf dieses Glatteis begeben und dann mit recyceltem Wasser argumentieren müssen. Wir wollen niemanden auf den Arm nehmen, sondern stehen zu dem, was wir tun. Der Stand heute ist, dass wir minimal zwei Liter Wasser zum Waschen einer Hose benötigen – egal, ob das Wasser recycelt ist, oder nicht. Und wir möchten das auch transparent und ehrlich kommunizieren. Auch wenn es marketingtechnisch natürlich reizvoll wäre von Null-Wasser-Hosen zu sprechen – wer das tut, soll es mir bitte zeigen. Dann ändere ich gerne meine Meinung.

Dann bleibt nur die Frage: Wann macht Ihr Männer-Jeans?

Di Donato-Haupt: Mal sehen, was die Zukunft bringt – für uns gehört es zu unserem Verständnis von Nachhaltigkeit, dass wir gesund wachsen und nur das investieren, was wir haben. Männer stehen aber auf jeden Fall auf unserer Agenda. Vielleicht schon im nächsten Jahr...

Alt: Da würde ich mich sofort als Testimonial anbieten.

Na, dann lassen wir Sie jetzt mal in Ruhe die Verträge aushandeln.

Redaktion KLAR-TEXT, im April 2012

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