DTB KT 17/18 2012

{untertitel}


5. DTB Arbeitskreistreffen „Sourcing“

Beschaffungsländer auf dem internationalen Laufsteg – Sourcing wird immer globaler
In den vergangenen Monaten wurde viel darüber diskutiert, welche Alternativen zu dem wichtigen Sourcing-Markt China bestehen, in dem die Beschaffungspreise stark gestiegen sind. Die einen glauben an eine zunehmende Rückkehr in die klassischen PLV Länder Osteuropas und Nordafrikas, die anderen favorisieren asiatische Ausweichmärkte wie Bangladesch, Pakistan oder Vietnam. Gleichzeitig belegen repräsentative Umfragen und Studien, dass China kaum an Beschaffungsvolumina verloren hat. Den Fragen, welches nun die richtigen Sourcingmärkte sind und welche Einkaufsstrategie die beste ist, ging der Arbeitskreis Sourcing, der am 20. März 2012 bereits zum fünften Mal stattfand auf den Grund.

Hans-Theo Baumgärtel, Vorsitzender des DTB und die Moderatoren und Organisatoren Guido Brackelsberg, Setlog GmbH und Wilfried Bäuning, bugatti GmbH begrüßten über 130 Teilnehmer im Hotel Schreiberhof, Aschheim. Neben einer Vielzahl interessanter Vorträge kam auch diesmal der Erfahrungsaustausch nicht zu kurz.

Zunächst gaben Torsten Schwarz, Setlog GmbH und Peter Werminghaus, BTI Ges. für Beratung • Transfer • Innovation mbH einen kurzen Überblick über die Inhalte der Sourcing-Workshops, die in München, Münster sowie Bielefeld im vierten Quartal des vergangenen Jahres stattfanden. Dort wurden in kleineren Gruppen von bis zu 10 Teilnehmern strategische und operative Sourcing-Instrumente entwickelt und diskutiert. Themen waren unter anderem die Optimierung von Beschaffungsprozessen, die Bewertung und Auswahl von Lieferanten und ein Ländervergleich nach sozialen, monetären und infrastrukturellen Kriterien.

Anschließend referierte Wilfried Bäuning von der bugatti GmbH über die Herausforderungen einer auftragsbezogenen Beschaffung und verglich die Vor- und Nachteile zwischen der passiven Lohnveredelung und der Vollgeschäftsbeschaffung. Dabei ging Bäuning auf die entscheidenden Einflussfaktoren Farben, Größen, auftragsbezogene Fertigung, Kundentermine und Materialeinsteuerung ein. Um diese Parameter in den Griff zu bekommen und den Forderungen der Kunden gerecht zu werden, bedürfe es langfristiger Partnerschaften mit den Lieferanten, einer „echten“ Terminsteuerung ohne Pufferzeiten und der richtigen Werkzeuge, wie beispielsweise ein webbasiertes SCM-System. Abschließend lud Bäuning dazu ein, in einem der nächsten Arbeitskreise das Thema PLM (Product-Lifecycle-Management) zu behandeln, um stärker den ganzheitlichen Prozessablauf in der Beschaffung ins Visier zu nehmen.

Dr. Sven Kromer, Partner der Kurt Salmon GmbH Germany stellte die Global Sourcing-Studie vor, die die Unternehmensberatung alle zwei Jahre erstellt und die 2011 bereits in der zehnten Auflage erschienen ist. Darin werden die 45 wichtigsten Beschaffungsländer anhand der folgenden Parameter verglichen: Lohnkosten, durchschnittliche Arbeitsdauer, Produktivität, Zinsraten, Abschreibung von Maschinen und Gebäuden und Inbound-Logistikosten. Grundlage ist ein sogenannter Sourcingindex, der alle Produktions- und Inboundlogistikkosten miteinander vergleicht. Die Studie bestätigt, dass China deutlich teurer geworden ist und immer mehr Produktionen nach Bangladesch, Vietnam, Pakistan und Kambodscha verlagert werden. Durch den 50 Prozent höheren Baumwollpreis, die 30 Prozent höheren Arbeitskosten und die Aufwertung des RMB müsste ein T-Shirt aus China im Verkauf zehn bis zwölf Prozent mehr kosten, damit die Marge stabil bleibt. Zukünftig müsse nach Ansicht von Dr. Kromer die Produktentwicklung und die Lieferkette vertikaler und integrativer aufgebaut werden, um Arbeitsabläufe zu optimieren und Prozesskosten zu sparen. Viele Unternehmen würden sich auf einen perfekten Sourcingmix konzentrieren, aber die dringend notwendige Verschlankung von Prozessen zu stark vernachlässigen.
Mr. Qi Yongmin von der Pama International B.V. Hangzhou China, der in über zehn Fabrikationsstätten in der Nähe von Dhaka produzieren lässt, gab einen Überblick über die aktuelle Situation in Bangladesch. Der einst jüngste Textilmanager in China hob hervor, dass die Lohnkosten einer Näherin in Bangladesch mit 100-150 Euro etwa ein Fünftel niedriger liegen als in China. Vorteile seien auch die englischen Sprachkenntnisse, die guten Maschinen, die vor allem aus Japan kämen und das zunehmende Know-how in den Vorstufen und in der Konfektion. Nachteile seien die teilweise schlechte Infrastruktur, die mangelnde Sicherheit und die fehlende Vollstufigkeit. Qi fasste es so zusammen: „ If China can combine with Bangladesh, customer can be much stronger“.

Dhyana van der Pols von Nash International und Vertreterin des niederländischen Ministeriums für Ausländische Angelegenheiten (CBI) referierte anschließend über das Beschaffungsland Pakistan, dessen Rückgrat die Bekleidungsindustrie sei. Etwa ein Drittel aller Beschäftigten arbeiten in diesem Bereich. Das Exportvolumen aus Pakistan betrug in 2011 etwa 11 Milliarden US Dollar, das nach dem ehrgeizigen Willen der pakistanischen Regierung in den kommenden Jahren auf 15 Milliarden US Dollar erhöht werden soll. Bei 94 Prozent der Produkte handelt es sich um Baumwollware. Das technische Know-how auch in den Bereichen Waschen, Drucken, Sticken und Lasern sei sehr ausgeprägt und die Qualitäts- und Sozialstandards hoch. Problematisch seien vor allem die fehlende Sicherheit, die schlechte Energieversorgung und das veraltete Verkehrsnetz. Aufgrund der geringeren Exporte in die USA und der Verlagerung von Produktionen nach Bangladesch, sind im letzten Jahr 60.000 Jobs verloren gegangen. Pakistan sei somit eine gute Möglichkeit, um günstig gute Ware, insbesondere Baumwollprodukte wie Chinos, Denim oder Strickware zu beschaffen. Pakistan arbeitet zudem daran, seine Handelsbeziehungen zu verbessern und Teil des GSP-Abkommens zu werden, das für eine nachhaltige Entwicklung und verantwortungsvolle Regierungsführung steht.

Fred Eichenseher, Geschäftsführer der Spedition Alphatrans (Barth-Gruppe) bezog aus aktuellem Anlass Stellung zur derzeitigen Explosion der Seefrachtraten. Nachdem die Preise bereits im März angestiegen sind, wird im April noch einmal eine Erhöhung von 400 US Dollar auf rund 1.700 US Dollar pro Containereinheit (TEU) ex Asien erwartet. Damit hätte sich der Preis in kurzer Zeit fast verfünffacht und würde nur noch 250 US Dollar unter dem Peak aus dem Jahre 2010 liegen. Grund dafür seien die hohen Verluste der Reedereien in 2011, insbesondere wegen der steigenden Schwerölpreise und der höheren operativen Kosten. Außerdem sei das Transportaufkommen wieder deutlich gestiegen. Um dem Preisverfall entgegenzuwirken und den Ölverbrauch zu reduzieren fahren die Schiffe zum Teil langsamer. Gleichzeitig würden immer größere Schiffe gebaut, die statt 10.000 TEUs bis zu 18.000 TEUs transportieren können. Inwieweit sich die erhöhten Raten vor dem Hintergrund weiter steigender Transportkapazitäten halten, bleibt laut Eichenseher abzuwarten. Alternativen gäbe es nicht, es gelte daher vor allem optimal zu planen und Volumen besser zu bündeln.

Stefan Seitz, Leiter Brandmanagement der Messe Frankfurt stellte das neue „Source-It“-Konzept der Texprocess 2013 vor, die sich als Internationale Leitmesse für die bekleidungs- und textilverarbeitende Industrie etabliert habe. Technologie- und Marktführer präsentieren dort Spitzentechnologien und Innovationen aus den Bereichen Design, Zuschnitt, Nähen, Sticken und Zubehör bis hin zu Finishing, IT und Logistik. Der Fokus läge auf einem hohen Internationalisierungsgrad. Optisch werde man die Flächen offener und freundlicher gestalten und themen- und länderfokussierter auftreten. Ein eigenes Internetportal ermögliche es zudem schon im Vorfeld Kontakte anzubahnen und Termine zu vereinbaren. Flankiert werde die Veranstaltung von einem interessanten Rahmen- und Vortragsprogramm, bei dem auch der DTB und Setlog wieder unterstützend mitwirken werden.
Paulo Vaz, General Director der ATP Associação Têxtil e Vestuário de Portugal aus Porto skizzierte die Beschaffungsmöglichkeiten in Portugal. Knapp 7.000 Betriebe produzierten in 2011 Bekleidung im Wert von 5.270 Million Euro und exportierten Ware im Wert von 4.056 Million Euro. Schwerpunkt seien vor allem Strick- und Wirkware aus Baumwolle, aber auch innovative Funktionstextilien stünden immer mehr im Fokus. Die Produktionsbetriebe hätten sehr viel Geld in Restrukturierungsmaßnahmen wie neue Maschinen, besser ausgebildetes Personal und die Logistik investiert, um ihren Servicegrad und die Produktivität zu verbessern. Portugal sei die falsche Wahl, wenn es um billige Produkte ohne Mehrwert gehe, aber die richtige Wahl wenn man innovative, hochwertige Ware und einen guten Service benötige, fasste Vaz zusammen.

Meng-jie Hu und Thomas Staender vom Sprachen Institut München entführten die Zuhörer in die Welt der kulturellen Gepflogenheiten und sozialen Umgangsformen in Indien und China. Staender erklärte, dass in Indien Leistung und die Bereitschaft unter Druck zu arbeiten eine große Rolle spiele. Kritik zu üben sei hingegen eher ungewöhnlich, es gelte das was der Vorgesetzte vorschreibt. Es falle Indern daher auch sehr schwer „nein“ zu sagen, so dass im Geschäftsleben genau darauf zu achten sei, ob ein „ja“ wirklich „ja“ meint. Hu gab anschließend ein paar Tipps im geschäftlichen Umgang mit Chinesen. Gesprächsthemen wie Politik, Religion oder typisch europäische Witze seien besser zu vermeiden, da den Chinesen der Zugang hierzu fehle und eher peinlich berührt seien, da sie nicht mitreden können. Stattdessen sei es besser über „die WESTE“ zu sprechen: Wetter, Essen, Sport, Träume und Erlebnisse. Und dann erzählte Hu schließlich doch einen Witz, den Europäer und Chinesen gleichermaßen verstehen: Mr. Ling erzählt Mr. Long enttäuscht, dass er seiner Frau eine Elfenbeinkette geschenkt und nun festgestellt hätte, dass das Elfenbein nicht echt sei. Mr. Long besänftigte ihn und sagte, dass es doch nicht schlimm sei, denn im Zuge der modernen Medizin sei es doch normal, dass auch Elefanten dritte Zähne aus Kunststoff tragen.

Katalin Szabo, Betriebsleiterin des Bekleidungsproduzenten Felina Hungaria Kft gab einen Einblick in den ungarischen Beschaffungsmarkt, bevor sich vier ungarische Betriebe in einer Kurzpräsentation vorstellten. Die Delegation aus Ungarn war mit insgesamt acht Produzenten angereist und präsentierte ihre Leistungen und Produkte in einer kleinen Ausstellung im Foyer. Ungarische Betriebe seien vor allem in der Lage hochwertige Produkte mit hohem Qualitätsanspruch in der passiven Lohnveredelung herzustellen. Man sei auch bereit, kleine Serien und Muster zu produzieren. Zudem hätte man eine optimale Lage zu den wichtigsten Endverbrauchermärkten, eine entwicklungsfähige Produktionstechnologie inklusive CAD/CAM Spezialmaschinen und eine langjährige Erfahrung mit dem deutschen Arbeitsstil. In einer Podiumsdiskussionen unter der Leitung von Jörg Brune von der WKS Textilveredelungs GmbH diskutieren Siegbert Fiebrig, Bäumler Fashion GmbH, Jürgen Brecht, Marc Cain GmbH, Katalin Szabo, Betriebsleiterin Felina Hungaria Kft und Sándor Kiss, Generaldirektor von SZEFO Zrt. über den ungarischen Markt. Insgesamt fiel das Urteil positiv aus. Nur mit einer höheren Fluktuation in den westlichen Gebieten und dem fehlenden Nachwuchs in den östlichen Gebieten hätte man manchmal Probleme. Qualität, Service, Zuverlässigkeit und Preisgefüge seien sehr gut.

Damit war die Agenda des 5. Arbeitskreises wieder vielseitig gefüllt und die Teilnehmer wurden mit vielen neuen Informationen von Guido Brackelsberg und Wilfried Bäuning in den Feierabend entlassen. Nicht zuletzt aufgrund des großen Interesses und Andrangs wird die Veranstaltungsreihe im Herbst fortgeführt. Im Mittelpunkt wird voraussichtlich der Lebenszyklus und damit der Arbeitsablauf in der Beschaffung stehen. Damit kommt der DTB den Wünschen des Teilnehmerkreises nach, stärker in Einkaufsprozesse einzusteigen. Hier gibt es noch viel Dialogbedarf. Das zeigten auch wieder die lebhaften Diskussionen und der fachliche Austausch am Rande der Veranstaltung, die sich inzwischen als führendes Branchenforum im Bereich Sourcing etabliert hat.

Redaktion KLAR-TEXT, im Mai 2012

Artikel als PDF downloaden: » DTB KT 17/18 2012
Weitere Berichte ...

Showroms/Messen suchen




Fashion Mall -Haus bronce