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Interview: Paulo Vaz Generaldirektor des ATP und Vize Präsident im KLAR-TEXT:

KLAR-TEXT: Zeitgleich zur 45. Modtissimo konnte der Verband sein 50-jähriges Jubiläum feiern. Fünfzig Jahre, das ist ein halbes Jahrhundert, also eine lange Zeit. Es gibt aber auch Verbände, die über hundert Jahre alt sind, damit verglichen ist es eine kurze Zeit. Wie fühlt sich der Verband- jung oder alt?

Paulo Vaz:
Der portugiesische Textil- und Bekleidungsverband ATP fühlt sich nicht von der Bürde des Alters gebeugt. Eher weiß man hier die im Laufe der 50 Jahre intensiver Arbeit gewonnene Erfahrung zu schätzen und ist gleichzeitig immer offen für Veränderung, am Puls der Welt und stets bereit zu neuen Projekten, die den Unternehmen helfen, gut vorbereitet und selbstbewusst in die Zukunft zu gehen.
Das 50jährige Jubiläum ist für uns ein Gedenktag, der uns daran erinnert, dass wir mit der Vergangenheit vor allem Eines haben: eine große Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft. Das ist die Perspektive, die uns interessiert: Immer auf dem neuesten Stand zu sein, ohne jedoch die Tradition zu verleugnen, aus der wir wertvolle Lehren gezogen haben, vor allem aber in hohem Maße Legitimität und Verantwortung für das, was zu tun ist. Immer. Jeden Tag. Unermüdlich

KLAR-TEXT: Wie hoch ist die Akzeptanz in der Bekleidungsbranche, wie viele tatsächliche, wie viele Mitglieder sind im Verband organisiert, wie viele wären möglich?

Paulo Vaz:
Die Akzeptanz des ATP bei den Firmen ist sehr hoch. Bei uns sind über 500 Unternehmen aus der gesamten Textilbranche organisiert, vom Design bis zum Vertrieb über sämtliche Teilzweige–Spinnerei, Weberei, Appretur, Konfektionierung, Strickwaren, Heim- und technische Textilien – kurzum, die bedeutendsten der ganzen Branche. In einem Sektor mit 6,5 Mrd. Euro Umsatz, 4,6 Mrd. Export und 126.000 Direktbeschäftigten steht der ATP für 4 Mrd. konsolidierten Umsatz, über 3,5 Mrd. Export und gut 75.000 Direktbeschäftigte. Es gibt in der Textilindustrie keinen anderen Arbeitgeberverband mit einer derartigen Repräsentativität, darum wird der ATP in den Führungsetagen und Medien allgemein auch als DER Textilverband angesehen, als gäbe es nur diesen einen Branchenvertreter – was er ja de facto auch ist.

KLAR-TEXT: Wie reagiert der Verband auf die rasanten Veränderungen in der Bekleidungsindustrie?

Paulo Vaz:
Der ATP versteht sich als echte Entwicklungsagentur für die Branche, also als viel mehr als nur eine simple Unternehmensorganisation oder – vertretung. Das erfordert, immer wieder aufs Neue zu überdenken, wie der Sektor organisiert ist, wie seine Wettbewerbsfähigkeit realistisch einzuschätzen ist und wie die seiner Mitglieder. So beschäftigt er sich u.a. mit der Marktforschung, beobachtet den Markt im internationalen Kontext, die großen Kräfte, die den Mode- und Textilhandel im globalen Maßstab beherrschen und lenken, ebenso wie seine Makrotrends , systematisiert die zusammengetragenen Fakten und kann so seinen Mitgliedern umfangreiche, erarbeitete und sinnvolle Informationen bieten, damit diese ihre Strategieoptionen entwickeln können. In diesem Sinne aktualisiert der ATP alle 5-7 Jahre seine Studie zur Entwicklung der Makro- und Mikrotrends in der Textil-, Bekleidungs- und Modeindustrie im internationalen Rahmen, eine weltweit einzigartige Pionierarbeit. Darüber hinaus gibt der ATP alle 7 Jahre einen Strategieplan für seinen Industriezweig heraus, in dem neben den Entwicklungsbedingungen und –richtungen auch die strategischen Achsen definiert werden, an denen die Anstrengungen gebündelt werden sollten, sowie ein Empfehlungspaket für die öffentliche Verwaltung, die Kompetenzzentren der Branche (Technologiezentren, Universitäten u.a.) und die Unternehmen enthalten ist, das sich also an all diejenigen richtet, für die der Verband existiert und tätig ist. Der letzte Strategieplan wurde 2014 herausgegeben und geht bis 2020.

KLAR-TEXT: Was für eine Antwort gibt es auf die online- Händler, die ständig mehr Marktanteile gewinnen?

Paulo Vaz:
Die Online-Händler sind immer mehr eine Realität, die man nicht außer Acht lassen darf, die aber für viele portugiesische Textil- und Bekleidungsunternehmen auch die wertvolle Chance bietet, ihre Erzeugnisse, Leistungen und vor allem Marken auf den Markt zu bringen. Dies hängt damit zusammen, dass die dafür notwendigen Investitionen und digitalen Kanäle durchaus in Reichweite der einheimischen Unternehmen liegen, sofern sie innovativ in Methode und Kommunikation vorgehen und sich, was besonders wichtig ist, mit einem „Back-Office“ und der entsprechenden Logistik ausstatten, um immer guten Service bieten zu können. Ich erinnere mich an eines der weltweit interessantesten Projekte auf diesem Gebiet, as vom WSJ auf eine Milliarde Euro geschätzt wurde, und dem Einfallsreichtum und Engagement eines portugiesischen Unternehmers, José Neves, zu verdanken ist: „Farfetch.com“, heute ein Unternehmen mit Sitz in Porto und London sowie acht Geschäftsstellen in aller Welt, also ein wirklich globales Unternehmen mit überwältigendem Wachstum. Der ATP hat 2012 eine detaillierte Studie zu diesem Thema durchgeführt: „Retail 3.0“ vom italienischen Autor Daniel Agis , einem der renommiertesten Berater für Modemarketing in Europa, die als Leitfaden für alle dient, die sich auf diesem Gebiet betätigen wollen. Außerdem steht der ATP kurz vor dem Start einer interaktiven Plattform im digitalen Bereich, mit der nicht nur die Sammlung relevanter Fachinformationen erleichtert werden soll, sondern auch die Unternehmensinitiativen im Universum der digitalen Kanäle und bei der Nutzung neuer Organisationsformen im Textil- und Modegeschäft gefördert werden.

KLAR-TEXT: Wo setzt der Verband seine Prioritäten?

Paulo Vaz:
Die Prioritäten des ATP sind im bereits erwähnten „Strategieplan des Textil- und Modecluster bis 2012“ aufgelistet und lassen sich wie folgt zusammenfassen: 1. Unterstützung bei der Kapitalausstattung der Unternehmen durch Stärkung ihrer Eigenkapitalstruktur, um sie weniger abhängig von Bankkrediten zu machen; 2. Unterstützung bei der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit zur Erhaltung der Wettbewerbsvorteile der Unternehmen, insbesondere durch verstärktes Augenmerk auf Design und technische Innovation, durch die sie sich auszeichnen, um sich international besser behaupten zu können und der Niedrigpreisfalle zu entgehen; 3. Stimulierung der Personalqualifikation auf allen Ebenen, einschließlich Unternehmensleitung, zwecks Steigerung der Produktivität und Bruttowertschöpfung der gesamten Branche; 4. Förderung der Unternehmenskonzentration, um die Firmen
größer werden zu lassen, was für die Aushandlung von mehr und besseren Geschäften kommerziell von Nutzen ist; und schließlich 5. Ausarbeitung einer Imagekampagne für die Branche, die in Portugal und im Ausland laufen wird und „Made in Portugal“ als internationale Referenz mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken soll.

KLAR-TEXT: Wie sehen Sie die Zukunft kurz- mittel-, langfristig?

Paulo Vaz:
Die jüngste Vergangenheit brachte eine deutliche Erholung des portugiesischen Textil- und Bekleidungssektors nach einem schwierigen Jahrzehnt, geprägt von verschiedenen extremen Wettbewerbsschocks – wie die Öffnung der Märkte und der OMC-Beitritt Chinas, die globale Kreditkrise und die Rettungsaktion für Portugal durch die Gläubiger- roika – die alle nach und nach überwunden wurden, unter Schmerzen, aber mit Erfolg. Die Umstrukturierung, die der Textil- und Bekleidungssektor durchlaufen musste, zwang dazu, sich neu zu erfinden, neue Elemente für eine positive Unterscheidung zur Vermeidung von Preiskonkurrenz zu finden, wie es bei Mode und Technologie der Fall ist. Die Firmen, die diesen Prozess durchgestanden haben, gingen aus ihm mit gestärkter Wettbewerbsfähigkeit hervor, sind nun kommerziell aggressiver und besser in der Lage, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Als mittel- und langfristige Perspektive– und das heißt in unserem Bereich bis 2020 – sehen wir ein nachhaltiges Wachstum. Die 5 Mrd. Euro Export, die Rekordmarke von 2001, zu erreichen und zu übertreffen, nun aber mit weniger als der Hälfte der Unternehmen und Beschäftigten von damals – das ist die große Zielstellung. Ein positives Szenario, das im Bereich des uns Möglichen liegt und vielleicht sogar noch vor Ende dieses Jahrzehnts erreicht werden kann. Ohne die Augen vor den Schwierigkeiten zu verschließen und stets aus einer wohl überlegten Haltung heraus blickt der Textil- und Bekleidungssektor heute weit zuversichtlicher in die Zukunft als noch vor fünf Jahren. The Portuguese Textile and Clothing Industry is really back!

KLAR-TEXT: Welchen Stellenwert hat die Bekleidungsindustrie in Portugal?

Paulo Vaz:
Der Textilsektor in Portugal trägt mit ca. 3% zum nationalen BIP, mit 10% zum Gesamtexport des Landes, mit 19% zur Bruttowertschöpfung und zur Beschäftigung der verarbeitenden Industrie bei, was ihn zu einem der bedeutendsten Industriezweige der Volkswirtschaft und im Hinblick auf seine regionale Konzentration zu einem der strategisch wichtigsten macht, hat er doch im nördlichen
Küstenbereich des Landes einen besonders hohen Stellenwert.

KLAR-TEXT: Wir bedanken uns für das informative Gespräch.

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